Folksonomy
Ursprung und Bedeutung
Unter „Folksonomy“ versteht man einen verteilten, kollaborativen Ansatz, um digitale Informationselemente mittels Schlagworten (Tags) zu kategorisieren. Die Vergabe der Schlagworte dient dem späteren Wiederfinden, ist subjektiv durch den einzelnen User geprägt und erfolgt bewusst ohne feste Regeln und Struktur. Das Folksonomy-Konzept kann zwar auch ausserhalb digitaler Medien angewendet werden, hat dort jedoch seinen Ursprung und ist dafür häufig besonders geeignet.
Folksonomy ist eine Wortneuschöpfung, die sich aus „Folks“ (englisch für Leute) und „nomos (griechisch für Verwaltung) zusammensetzt. Der Begriff steht für einen basisdemokratischen Ansatz und grenzt sich bewusst zu „Taxonomie“ (taxis, griechisch für Klassifizierung) ab, einer strukturierten Hierarchisierung. Geprägt wurde der Begriff von Thomas Vander Wal 1)und ein sehr lesenswertes Paper hat Adam Mathes im Dezember 2004 unter dem Titel „Folksonomies - Cooperative Classification and Communication Through Shared Metadata“ verfasst 2).
Häufig wird das Wesen einer Folksonomy auch so beschrieben, dass Menschen im digitalen Raum nicht mehr ordnen („filers“ = Ableger), sondern suchen („pilers“ = Stapler). David Weinberger 3) fasst das in der Aussage zusammen: „The old way creates a tree. The new rakes leaves together.“ Als „new“ ist eine Folksonomy bezeichnet.
Anwendung: Suchen und Finden von Informationselementen durch Meta-Informationen
Um Informationselemente einfacher aufzufinden, ergänzt man sie um Zusatzdaten, so genannte Meta-Informationen (Informationen über Informationen). Für ein Bild sind dies etwa der Aufnahmeort, das Aufnahmedatum, der Name des Fotografen, die abgebildeten Motive oder subjektive Stimmungsinformationen. Je nach Aspekt sind verschiedene Methoden der Beschreibung und der Vergabe von Kategorien möglich. Eine Art der Meta-Beschreibung ist die nach objektiven Kriterien, die so genannte formale Erschliessung. Eine andere, inhaltliche Erschliessung ist das so genannte Tagging. Dabei vergeben mehrere User eine beliebige Anzahl freier Schlagworte für das zu beschreibende Informationselement.
Abgrenzung zu anderen Arten der Verschlagwortung
Bei der Verschlagwortung unterscheidet man den Entstehungsprozess und das verwendete Vokabular. Zudem ist die „technische Anbringung“ der Klassifikation relevant: zum Beispiel RDF 4) oder Mikroformat 5). Die Verschlagwortung kann automatisiert oder manuell erfolgen.
automatisierte Verschlagwortung
Die automatisierte Verschlagwortung ist insbesondere bei formalen, präzisen Daten geeignet, die meist bei der Erstellung eines digitalen Informationselements entstehen. Digitalkameras speichern zum Beispiel das Kameramodell, die Auflösung oder die Belichtungszeit direkt im Dateiformat ab. Diese Informationen können automatisch zur Verschlagwortung des Bildes genutzt werden. Automatische Verschlagwortung kann auch auf statistischen Verfahren basieren. Dabei ordnet man Elemente mittels Beispielelementen Schlagworten zu oder fasst ähnliche Dokumente selbst lernend in Gruppen zusammen. Die statistischen Verfahren arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten und lassen gegenüber deterministischen, präzisen Verfahren systembedingt Fehler zu.
manuelle Verschlagwortung
Folksonomy ist ein manuelles Verfahren bei dem prinzipiell mehrere User ohne spezielle Ausbildung dasselbe Element klassifizieren. Bringt nur ein einzelner User die Tags an, spricht man von einer „Personomy“ oder einer „narrow Folksonomy“ 6). Sie steht im Gegensatz zu einer „professionellen“ Verschlagwortung, die in der Regel durch eine einzelne, dafür ausgebildete Person erfolgt. Bei der professionellen Klassifikation werden zudem typischerweise kontrollierte und über die Zeit nur sehr aufwändig veränderbare Schlagwortkataloge und -hierarchien genutzt. Ein Beispiel dafür ist das Ablagesystem einer Bibliothek, bei dem jedes Buch an genau einer Stelle der Kataloghierarchie abgelegt ist. Dies meist mit dem Ziel die Aufstellung der Bücher zu organisieren. Bei einer Folksonomy werden Informationselemente hingegen bewusst durch viele Begriffe beschrieben und nicht an einer Stelle einer Hierarchie platziert. Ein Tag entspricht somit eher einer unorganisierten Suchfacette 7) als einer Kategorie.
Auch bezüglich des Vokabulars unterscheiden sich die Verfahren. Als Vorteil einer Folksonomy erachtet man, dass jeder User bei der Kategorisierung seine eigene, subjektive Begriffswelt anwenden soll. Dasselbe Element kann von zwei Usern also unterschiedlich, aber dennoch korrekt benannt werden, zum Beispiel „Mobiltelefon“ und „Handy“. Die subjektiven Betrachtungsweisen können sich aber auch widersprechen, zum Beispiel „niedlich“ und „absurd“.
Anwendungsbeispiel
Beispiel einer Verschlagwortung mittels Folksonomy ist der Bookmarking-Dienst del.icio.us. Hier speichern eine grosse Anzahl von Usern ihre Bookmarks (Links) und können diese zusätzlich zu einem Titel und einem Beschreibungstext mit Tags versehen.
Abbildung: Erfassung eines Links auf del.icio.us
Abbildung: Zusammenfassungsseite aller Informationen zu einem Link auf del.icio.us
Da derselbe Link von mehreren Usern genutzt wird, ergibt sich im Resultat ein Informationselement, hier der Link, mit vielen Tags (Summe aller individuellen Usertags). Doppelt vergebene Tags können beim Finden stärker gewichtet werden, wie die Schlagwortwolke (tag cloud) in der folgenden Abbildung rechts oben zeigt. Zusammenfassungsseite aller Informationen zu einem Link auf del.icio.us
Die Summe der Tags wurde von zwölf Usern vergeben. Da der Tag „folksonomy“ darin am häufigsten vorkommt, wird dieser mit einer grösseren bzw. fetten Schrift visualisiert.
Vor- und Nachteile
Hauptkritikpunkt der Folksonomy-Gegner: Chaos statt Ordnung
Als Hauptkritikpunkt führen Folksonomy-Gegner an, dass es sich um ein chaotisches Verfahren handelt: Ein einzelner Tag ist nicht Teil einer vorgegebenen Hierarchie, das Vokabular ist nicht kontrolliert, typischerweise werden Gross- und Kleinschreibung gleichgesetzt und Wortbeugungen nicht berücksichtigt. All dies führt zur Vervielfachung der Schlagworte und somit zu Lärm anstelle einer klaren Struktur, wie folgende zwei Tag-Gruppen zeigen: „hund“ „schwarze“ „haare“ versus „hunde“ „schwarzes“ „haar“. Dasselbe Argument gilt bezüglich Mehrsprachigkeit: „chien“ „noir“ entsprechen den deutschen Tags und sind somit redundant. Synonyme wie „schnell“ und „flott“, könnten mit Wörterbüchern normiert werden und gehören damit nicht zur Verschlagwortung. Auch leistungsfähige Suchfunktionen durch Übersetzung der Kategorien, seien aufgrund fehlender Hierarchisierung nicht möglich, Beispiel: Lebewesen ⇒ Tier ⇒ Säugetier ⇒ Hund.
Einigungen als Struktur im Chaos
Den Vorteil einer Folksonomy beschreibt Merholz 8), der die scheinbar chaotische Verschlagwortung mit der Erklärung von Trampelpfaden über ein offenes Feld vergleicht. Obwohl jeder beim Überqueren einen eigenen Weg wählen kann und dies zu Beginn auch tut, ergeben sich über die Zeit eine oder mehrere bewusste Einigungen. Solche Einigungen werden bei Folksonomies dadurch unterstützt, dass jedem User bei der Tag-Vergabe diejenigen Tags gezeigt werden, die bereits von anderen Usern vergeben wurden. Die Wahrscheinlichkeit der Mehrfachvergabe eines Tags wird dadurch erhöht.
Folksonomy bildet Vielfalt der SuchbedĂĽrfnisse ab
Eine sachlichere Begründung, weshalb eine Folksonomy im Vorteil sein kann, erhält man, wenn man den Prozess der Informationssuche durch User betrachtet. Sie formulieren dieselben Informationsbedürfnisse unterschiedlich: „Kälteschutz von Eskimos“ oder „Wie schützen sich Inuits gegen Kälte“. Das gilt auch für Begriffe mit unterschiedlicher Bedeutung wie „der Läufer“, Synonyme wie „billig“ und „günstig“ oder grammatikalische Wortbeugungen wie „schwarz“ und „schwarzes“. Eine Folksonomy bietet dafür einen inhärenten Lösungsansatz: Mit wachsender Anzahl von Tags sollte die Vielfalt der Suchbedürfnisse durch die Vielfalt der User, die Schlagworte vergeben, abgedeckt sein.
Folksonomies erfordern kein Spezialwissen
Ein Effekt von Folksonomies ist, dass Meta-Daten schnell und meist in grosser Menge entstehen. Das liegt daran, dass alle User, die ein Tag anbringen möchten – und sei es nur für das eigene Auffinden – dies problemlos können: Der User muss kein Spezialist sein, der mit einer bestehenden Klassifikation vertraut ist und das Informationselement darin einordnen muss. Im Gegenteil: Tagging ist kognitiv sehr einfach, der User muss nur seine persönliche Einschätzung zum Informationselement ausdrücken 9).
Folksonomies leben länger
Während der Verschlagwortung entsteht typischerweise eine Begriffswelt, die dem aktuellen Sprachgebrauch entspricht. Da eine Folksonomy jederzeit um zusätzliche Tags erweitert werden kann, hat diese Art der Verschlagwortung einen explorativen Charakter und ist in diesem Aspekt stabilen Schlagwortkatalogen überlegen.
— Autor: Jürg Stuker 01.09.2007, 14:30
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